Trotz verstärktem Herdenschutz Nutztierrisse auf den Alpen (GR)

Medienmitteilung des Amtes für Jagd und Fischerei Graubünden vom 27. Juli 2021

 

In jüngster Zeit haben sich zusätzlich zu verschiedenen Gebieten in der Surselva und im Hinterrhein auch im Prättigau und in der Mesolcina vermehrt Risse von Nutztieren durch Wölfe ereignet. Dabei wurden zahlreiche Schafe und eine Ziege gerissen. Am Schamserberg wurden am 22. und 25. Juli auf unterschiedlichen Alpen ausserdem zwei Esel von einem Wolf zum Teil schwer verletzt. Am 23. Juli wurde auf dem Gemeindegebiet von Trimmis ein Kalb mit Verletzungen vorgefunden. Die Verletzungen wiesen auf die Einwirkung eines Wolfs hin.

Auf vielen Alpen im Kanton Graubünden wurden die Massnahmen zum Schutz der Nutztiere vor Wolfsrissen in diesem Jahr nochmals mit grossem Einsatz der Betriebsverantwortlichen sowie deren Helferinnen und Helfern verstärkt. Die Herdenschutzmassnahmen erweisen sich als notwendig. Sie sind auch dank der intensivierten Unterstützung der Herdenschutzberatung am Plantahof, der neuen Vorgehensweisen bezüglich der Auswahl und des Einsatzes von Herdenschutzhunden in Graubünden sowie der seit diesem Jahr neu festgelegten Regelung für Weidegeburten möglich. Trotzdem wurden in dieser Weidesaison bisher 106 Schafe und eine Ziege von Einzeltieren oder Wolfsrudeln gerissen. Diese Schadenszahlen entsprechen ungefähr jenen des Vorjahres…

Im Prättigau erachtet der Kanton die Voraussetzungen für den Abschuss des schadenstiftenden Einzelwolfs als gegeben. Die Vollzugsmassnahmen sind eingeleitet. Im Streifgebiet der beiden Wolfsrudel Valgronda und Stagias in der Surselva wurde die Schadensschwelle ebenfalls bereits erreicht. Für die Umsetzung muss allerdings noch feststehen, dass das Rudel auch in diesem Jahr reproduziert hat und wie viele Jungtiere geboren wurden. Erst ab diesem Zeitpunkt können Massnahmen ergriffen werden. Im Streifgebiet des Beverin Rudels sind die Voraussetzungen für die Anordnung eines Abschusses von Wölfen ebenfalls in Prüfung.

 

gesamte Medienmitteilung des Amtes für Jagd und Fischerei GR vom 27.07.2021 als pdf

 

Anmerkung von CHWOLF

Bei unserer langjährigen Herdenschutz-Projektbegleitung haben wir die Erfahrung gemacht, dass wenn es trotz Herdenschutzmassnahmen Wolfsübergriffe gibt, der Wolf meist irgendwo eine Schwachstelle gefunden hat. Nur in den seltensten Fällen hat er gelernt gut umgesetzte Schutzmassnahem gezielt zu umgehen (z.B. Überspringen von Zäunen). Wir werden nach unseren Möglichkeiten versuchen zu prüfen, ob die Herdenschutzmassnahmen tatsächlich genügten und die Erteilung einer Abschussbewilligung damit berechtigt ist.

Mögliche Schwachstellen in der Umsetzung der Herdenschutzmassnahmen

Die Umsetzung von wirkungsvollen Herdenschutzmassnahmen ist immer mit einem Lernprozess verbunden und in den ersten Jahren werden oftmals noch Fehler begangen.
Meist werden die Herden zu wenig homogen geführt und die Herdenschutzhunde haben so keine Chance die gesamte Herde gleichzeitig zu schützen. Vor allem bei schlechten Wetter-, Sicht- und Windverhältnissen können Wölfe dann ganz einfach einzelne Schafe abseits oder am Rande der Herde erbeuten. Wenn die Schafe tagsüber auf einer zu grossen Fläche verstreut sind, hat der Hirte/Hirtin auch Mühe, sie abends alle zu finden und in den schützenden Nachtpferch zu treiben. Dann kann dazu kommen, dass einzelne Schafe die Nacht völlig ungeschützt verbringen, weit abseits des Pferches und ausserhalb des Wirkungsbereiches der Schutzhunde. Um solche Tiere zu erbeuten, braucht der Wolf keine Herdenschutzmassnahmen zu umgehen. Für diese Schafe ist dann schlicht kein Herdenschutz vorhanden.
Oftmals werden auch Fehler bei der Zäunung begangen. Damit ein Wolf einfach unter dem Zaun durchschlüpfen kann, reicht es schon, wenn der Zaun nur an einer einzigen Stelle einen ungenügenden Bodenabschluss aufweist. Dies wenn z.B. über einen kleinen Bach oder eine Mulde gezäunt wird. In sehr vielen Fällen ist die Elektrifizierung mangelhaft und deren Effekt für die Wolfsabwehr deshalb schlecht bis wirkungslos. Häufig wird die Erdung und die Erdverbindungen schlecht ausgeführt oder ein alter und zu schwacher Viehhüter eingesetzt. Auch wird zu wenig auf Erdschlüsse durch Bewuchs geachtet, die dann vor allem bei Nässe die Wirksamkeit der Elektrifizierung massiv vermindern. Auch können grosse Felsbrocken direkt am Zaun dem Wolf als einfacher Übergang, so zu sagen als Sprungbrett dienen, um einfach in die Weide zu gelangen.
Wölfe beobachten sehr gut und testen immer wieder und finden und nutzen jede sich bietende Schwachstelle im Schutzsystem.

Um solche Schwachstellen bei Zäunen und im gesamten Schutzsystem zu erkennen, braucht es Erfahrung, eine Situations- und Massnahmenbeurteilung aus Sichtweise des Wolfes und damit Know How über die Lebensweise und das Verhalten des Wolfes. Erkennt man die Schwachstellen, können sie meist mit einfachen Mitteln behoben werden und Schäden könnten so vermieden werden.

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