Unser Argumentarium gegen das neue Jagdgesetz

Volksabstimmung 27. September 2020

 

Laut Aussagen des Bundes fördert das revidierte Jagdgesetz Schutzgebiete, Zugvogelreservate und Wildtierkorridore. Zudem stärkt es den Schutz von Wildtieren. Das ist wichtig für die Artenvielfalt. Das revidierte Gesetz bietet überdies einen pragmatischen Umgang mit der wachsenden Zahl an Wölfen. Die Kantone können rechtzeitig Massnahmen ergreifen, um Konflikte zu vermeiden. Der Wolf bleibt aber eine geschützte Tierart und die Rudel bleiben erhalten. Das Ziel sei ein langfristiges Nebeneinander von Mensch und Wolf.
«Die Vorlage ist ein guter Kompromiss» sagt Bundesrätin Simonetta Sommaruga bei der Erläuterung der bundesrätlichen Haltung.

Quellen:
Medienmitteilung UVEK vom 27.02.2020 «Bundesrat empfiehlt ein Ja zum revidierten Jagdgesetz am 17. Mai 2020»
Interwiev mit BR Simonetta Sommaruga im TA vom 27.02.2020 «Die Vorlage ist ein klassischer schweizerischer Mittelweg»


Diesen Aussagen können wir jedoch in mehreren Punkten nicht folgen, denn das revidierte Jagdgesetz schiesst in vielen Bereichen weit über das Ziel hinaus. Unsere Parlamentarier haben
den Schutz des Wolfes viel stärker gelockert, als der Bundesrat vorgeschlagen hat. Aus einem Jagdschutzgesetz wurde nun ein Abschussgesetz, das so nicht akzeptiert werden kann.

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Ausführung unserer Argumente gegen das neue Jagdgesetz


Keine präventiven und sinnlosen Abschüsse geschützter Tiere

§   Nach dem neuen Jagdgesetz dürften Wolfsrudel reguliert werden sobald nur schon Schaden droht. Wölfe dürften abgeschossen werden ohne dass sie jemals Schaden angerichtet haben. Herdenschutz müsste vorgängig nicht mehr umgesetzt werden! Die präventive Regulierung von Wolfsrudeln nach dem neuen Jagdgesetz ist ein sinnloser und respektloser Eingriff in die Natur!

§   Eine Bestandesregulierung dürfte vom 1. September – 31. Januar vorgenommen werden und es dürften die Hälfte der im laufenden Jahr geborenen Jungtiere geschossen werden. Es dürften nur Tiere geschossen werden die jünger als 1 Jahr sind. Die Elterntiere und die Jungtiere der Vorjahre, welche noch nicht abgewandert sind, müssen geschont werden.

§   Wölfe dürften neu sogar auch in Wildtierschutzgebieten geschossen werden.

Eine streng geschützte Tierart grundlos mit Abschüssen zu regulieren ist ein Verbrechen an unserer Natur und überhaupt nicht vereinbar mit den internationalen Schutzabkommen wie der Berner Konvention.

 

Für einen kompromisslosen Herdenschutz

Die Verantwortung für Wohl und Schutz der Nutztiere liegt grundsätzlich beim Tierhalter. Laut Aussage des Bundes hat eine Untersuchung gezeigt, dass Herdenschutzmassnahmen zu einem 98%igen Schutz der Tiere gegen Raubtierangriffe führen. Herdenschutz mit allen verfügbaren und wirksamen Mitteln sollte deshalb die NORMALITÄT und ein MUSS für JEDEN sein!

§   Nach neuem Jagdgesetz müssen vorgängig zu einer Rudelregulierung zukünftig keine zumutbaren Herdenschutzmassnahmen mehr umgesetzt werden. Die Kantone müssen die Landwirtschaftsbetriebe nur noch über die Herdenschutzmassnahmen informieren und gefährdete Betriebe auf deren Wunsch beraten. Eine Verpflichtung diese umzusetzen gibt es jedoch nicht! Doch ohne Herdenschutz droht logischerweise immer Schaden. Dies wäre somit quasi ein Freipass für die Kantone, um jährlich die Hälfte der geborenen Jungtiere über den Regulierungspassus abschiessen zu können. Führt eine Rudelregulierung nicht zum erwünschten Erfolg, dürfte danach sogar noch eine Einzelwolf-Abschussbewilligung beantragt werden.

Eine solche Lockerung der Herdenschutzverpflichtung ist völlig unverständlich. Denn gerade in Rudelgebieten ist es enorm wichtig, dass wirksame Herdenschutzmassnahmen umgesetzt werden, damit die Jungtiere von Beginn an lernen, dass Schafe und Ziegen keine einfache Beute sind!

 

Mit dem neuen Jagdgesetz fühlen sich Alpbewirtschafter in falscher Sicherheit

Viele Alpbewirtschafter setzen Anstelle des Herdenschutzes auf den Wolfsabschuss. Sie hoffen nun mit dem neuen Jagdgesetz die Wölfe künftig abschiessen zu können bevor sie Schaden angerichtet haben und sie so auch auf die aufwändigen Herdenschutzmassnahmen verzichten können.

Die Alpbewirtschafter ziehen meist Anfang Juni mit ihren Herden auf die Sömmerungsalp. Werden nun in Rudelgebieten keine Herdenschutzmassnahmen umgesetzt, welche für eine Rudelregulierung ja nicht zwingend sind, wird es zwangsläufig Risse geben. Die Schäden werden von den Wolfseltern oder den Jungwölfen der Vorjahre verursacht, da Wolfswelpen erst Anfang Mai auf die Welt kommen und während des Alpsommers noch nicht an der Jagd beteiligt sind. Da die Welpen die ersten 3-4 Wochen in und die nächsten Wochen um die Wolfshöhle verbringen, werden sie in der Regel erst Ende Juli/Anfang August nachgewiesen.

§   Ein Kanton kann erst dann eine Abschussbewilligung für eine Rudelregulierung beantragen, wenn sicher ist, dass das Rudel im laufenden Jahr Welpen aufzieht und die Anzahl nachweislich kennt.

§   In Rudelgebieten können Einzelabschüsse erst beantragt werden, wenn die Rudelregulierung nicht den gewünschten Erfolg brachte.

Das heisst konkret, dass in Rudelgebieten trotz Schäden während der Alpsaison keine Wölfe geschossen werden dürfen. Werden nun nach den ersten Rissen weiterhin KEINE Herdenschutz­massnahmen umgesetzt, werden mit grosser Wahrscheinlichkeit weitere Tiere gerissen. Erst ab dem 1. September dürften dann die Hälfte der Welpen abgeschossen werden, welche ja gar nicht für die Schäden verantwortlich sind. Die schadenstiftenden Wölfe müssen geschont werden und sind dann auch in der nächsten Alpsaison aktiv und werden weiter ungeschützte Nutztiere reissen und dies damit auch den verbleibenden Jungtieren beibringen.

>>>  Mit einer Rudelregulierung können somit keine Schäden während der Alpsaison verhindert werden!

Zudem belegen mehrere wissenschaftliche Studien, dass wenn in intakte Rudel eingegriffen wird, es in den Folgejahren meist mehr Schäden an Nutztieren gibt. Vor allem wenn aus Versehen ein Elterntier geschossen wird, kann es wegen der Veränderung in der Rudelstruktur zu völlig ungewollten Effekten führen.

Die Gleichung „weniger Wölfe = weniger Schäden = weniger Probleme“ funktioniert nicht!

Um Schäden zu vermeiden, braucht es wirksamen Herdenschutz und keine Wolfsabschüsse!
Nur so funktioniert ein langfristiges Nebeneinander von Mensch, Wolf und Nutztieren!

Wenn Bund und Kantone das viele Geld und die Zeit, das sie für den Wolfsabschuss benötigen, in den Herdenschutz investieren würden, wäre den Alpbewirtschaftern langfristig viel mehr geholfen!

 

Für eine korrekte Beurteilung von Verhaltensauffälligkeiten bei Wölfen

§   Nach neuem Jagdgesetz dürfen Wölfe auch geschossen werden, wenn sie verhaltensauffällig sind. Eine Verhaltensauffälligkeit liegt laut Bund vor, wenn ein Wolf seine natürliche und angeborene Scheu vor Menschen, dessen Siedlungen und Infrastrukturen verliert.

Das Problem ist nur, dass Wölfe gegenüber Bauten, Siedlungen und menschlicher Infrastrukturen keine natürliche oder angeborene Scheu haben und diese somit gar nicht verlieren können. Wölfe nutzen sogar die menschlichen Infrastrukturen wie Strassen, Wege, Geleise und Brücken und laufen zu unbelebten Zeiten auch einmal durch eine Siedlung, wenn der schnellste Weg von A nach B durch eine solche führt. Das ist möglicherweise ein für uns Menschen ungewohntes und unerwünschtes Verhalten aber es ist völlig normales Wolfsverhalten und hat nichts mit verlorener Scheu zu tun! Der Wolf meidet hingegen strikt den direkten und nahen Kontakt zu Menschen.
Bei der Umsetzung des neuen Jagdgesetzes wird eine Siedlung sehr grosszügig definiert. Nicht nur Städte, Dörfer und Weiler, sondern auch einzelne, abgelegene Höfe und sogar Alphütten werden als Siedlung definiert, sobald sie bewohnt sind.
Auch werden in der Beurteilung von Beobachtungen vielfach das Gesamtbild, die Entstehung der Situation und das Alter des Wolfes nicht genügend einbezogen.

Mit diesem Passus im Jagdgesetz und den vielfach fachlich sehr fragwürdigen Beurteilungen von Wolfsverhalten durch die Amtsstellen lassen sich Wölfe unter der Einstufung „Verhaltensauffällig“ sehr einfach zum Abschuss freigeben.

 

Das neue Jagdgesetz ist nicht vereinbar mit der Berner Konvention

§   Der Wolf ist in Anhang II der Berner Konvention als streng geschützte Tierart aufgeführt. Laut Artikel 6 ist grundsätzlich jedes absichtliche Töten dieser Tiere verboten. Artikel 9 erlaubt in gewissen Situationen jedoch Ausnahmen: „Unter der Voraussetzung, dass es keine andere befriedigende Lösung gibt und die Ausnahme dem Bestand der betreffenden Population nicht schadet, kann jede Vertragspartei Ausnahmen von den Artikeln 4, 5, 6, 7 und vom Verbot der Verwendung der in Artikel 8 bezeichneten Mittel zulassen.“ Dies unter anderem zur Verhütung ernster Schäden an Kulturen, Viehbeständen, Wäldern, Fischgründen, Gewässern und anderem Eigentum.

Werden nun Wölfe abgeschossen nur weil Schaden droht und ohne dass vorgängig zumutbare Herdenschutzmassnahmen umgesetzt wurden, ist dies ganz klar NICHT mit der Berner Konvention vereinbar! Erstens ist der Artikel 9 nur eine reine Ausnahmeregelung und zweitens darf es zu seiner Anwendung keine andere befriedigende Lösung geben. Würden aber die zumutbaren Herdenschutzmassnahmen überall richtig und lückenlos umgesetzt, würde kein ernster Schaden mehr drohen. Herdenschutzmassnahmen sind somit klar eine andere befriedigende Lösung!

Da Artikel 9 jedoch nur zur Anwendung kommen dürfte, wenn es keine andere befriedigende Lösung gibt, missachtet das neue Jagdgesetz diesen Artikel der Berner Konvention vollständig.

 

Artenschutz liegt in der Verantwortung eines Staates und muss Bundessache bleiben

Die Berner Konvention ist ein von der Schweiz unterzeichneter völkerrechtlicher Vertrag und somit liegt die Verantwortung über deren Einhaltung ausnahmslos beim Bund.

§   Nach dem neuen Jagdgesetz soll die Zuständigkeit für die Abschussbewilligungen in Zukunft jedoch alleinig bei den Kantonen und nicht mehr beim Bund liegen.

Das wird unweigerlich zu verschiedenen und uneinheitlichen Auslegungen und Handhabungen führen. Wie das herauskommt wäre völlig fragwürdig, da sich einige Kantone jetzt schon nicht an die Gesetzgebung halten, wie das Beispiel vom Kanton Graubünden zeigt, welcher in den letzten vier Jahren ohne Bewilligung 75 geschützte Graureiher geschossen hat. Auch andere Kantone haben bis zu einem Bundesgerichtsentscheid vor 5 Jahren ebenfalls hunderte von geschützten Graureihern illegal geschossen! Ein schweizweites Management der geschützten Arten, insbesondere der Grossraubtiere würde so völlig verunmöglicht. Artenschutz, wenn er ernst und wirksam betrieben werden soll, muss weiträumig in der gesamten Schweiz gleich umgesetzt werden.

Artenschutz und damit auch die Abschussverantwortung ist eine LANDESAUFGABE und MUSS deshalb alleinig Bundessache bleiben.

 

Keine kommerziellen Einschränkungen im Arten- und Naturschutz

§   Nach dem neuen Jagdgesetz können auch sinkende Jagderträge einen Regulationsgrund für geschützte Arten wie Wolf und Luchs sein.

Wir sind der Meinung, dass solche ökonomischen Gründe für das Abschiessen von geschützten Tieren in der heutigen Zeit keine Berechtigung mehr haben dürfen.

 

Kein Freipass für stille, schleichende Aufweichung des Artenschutzes

§   Nach dem neuen Jagdgesetz können neben den Wölfen zudem weitere geschützte Tierarten wie Luchs, Biber, Graureiher oder Fischotter jederzeit vom Bundesrat auf die Liste der regulierbaren Arten gesetzt werden, ohne dass das Parlament oder das Volk darüber entscheiden können!

Das wäre ein Freipass für eine spätere, stille und schleichende Aufweichung des Artenschutzes.

 

Verpasster Fortschritt im Artenschutz

Bei der Revision des neuen JSG wurde verpasst, aktuell vom Aussterben bedrohte Tierarten wie der Feldhase, das Birkhuhn, das Alpenschneehuhn oder die Waldschnepfe unter Schutz zu stellen. Obwohl diese Tierarten stark rückläufig sind, bleiben sie weiterhin jagdbar.

 

Die NATUR mit ihrer ARTENVIELFALT ist unsere Lebensgrundlage und somit unser KAPITAL.
Diese gilt es MEHR denn JE zu schützen!

Deshalb sagen wir am 27. September klar NEIN zum missratenen Jagdgesetz



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