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Jagd- und Fressverhalten

Die Nahrungsbeschaffung ist für das Überleben einer Wolfsfamilie von zentraler Bedeutung. Das hoch entwickelte Sozialverhalten der Wölfe hat seinen Ursprung denn auch zu einem grossen Teil in der gemeinsamen Welpenaufzucht und der Jagd. Wölfe jagen auch Tiere, die wesentlich grösser und schwerer sind als sie selbst. Das geht einfacher in einem organisierten Rudel, alleine sind sie vielfach chancenlos. Die gemeinsame Jagd bedingt koordiniertes Handeln und klare Regeln des Zusammenlebens.

Wölfe sind Fleischfresser
Ihre Hauptnahrungsquellen sind vor allem mittelgrosse bis grosse pflanzenfressende Säugetiere. Der Speiseplan des Wolfes hängt vor allem von den zur Verfügung stehenden Beutetieren in seinem Territorium ab. Wenn immer möglich, bevorzugen sie jedoch Schalenwild (Wildhuftiere).
Bei uns in der Schweiz finden die Wölfe: Hirsche, Rehe, Gemsen, Wildschweine, Murmeltiere, Füchse, Hasen, Kleinnager bis hin zu Vögeln und Mäusen. In anderen Regionen der Welt gehören auch Bisons, Elche, Karibus, Rentiere, Mufflons, Reptilien und Fische zum Nahrungsspektrum. Je nach Saison frisst der Wolf auch gerne reife Früchte und Beeren.
Der Wolf ist sehr anpassungsfähig und bei Nahrungsknappheit ernährt er sich von allem Vorhandenen, sogar von Insekten oder von Abfällen.

>>>  Details zu den Beutetieren des Wolfes

Jagdtechnik
Der Wolf ist überwiegend dämmerungs- und nachtaktiv. Bei seinen nächtlichen Streifzügen kann er weite Strecken zurücklegen (bis 60 km pro Nacht sind keine Seltenheit). Wölfe finden Beutetiere meist direkt durch deren Geruch, seltener durch Verfolgung frischer Spuren. Während sie ihr Territorium auf der Suche nach Futter zumeist im Trab mit 6-8 km/h durchstreifen, wittern sie ihre Beute über eine Distanz von bis zu 2-3 km.
Um ihren Energiehaushalt zu schonen und auch Verletzungen vorzubeugen, bevorzugen Wölfe, wenn sie die Möglichkeit haben, einfach zu jagende Beutetiere. Wölfe haben somit meist bei jungen, noch unerfahrenen, alten und geschwächten oder kranken Tieren Jagderfolg. Da diese langsamer sind, können sie durch die Wölfe leichter von der Herde abgetrennt und dann einzeln gejagt werden. Bei gesunden und kräftigen Tieren haben die Wölfe eher selten eine Chance.

Entgegen früheren Vorstellungen, nach denen die Wölfe ihre Beute durch lange Jagden zur Erschöpfung bringen würden, weiss man heute, dass sie ihre Beute meist durch eine eher kurze, aber schnelle Jagd überrumpeln (kurzfristig kann der Wolf eine Spitzengeschwindigkeit von bis zu 60 km/h erreichen). Falls sie die Beute nicht in nützlicher Frist erreichen, geben sie rasch wieder auf, um ihre eigenen Energiereserven zu schonen. Auch die Beutetiere bleiben dann bald wieder stehen, wenn sie merken, dass sie nicht mehr gejagt werden.

Nur 10% Jagderfolg
Die Wölfe lernen sehr schnell, welche Jagdtechniken Erfolg bringen und welche nicht. Sie jagen nur, wenn die Erfolgsaussichten realistisch erscheinen. Trotzdem führen nur etwa 10% der Jagdversuche schliesslich auch zum Erfolg. So müssen sie vielfach über mehrere Tage ohne Nahrung auskommen. Dafür können Wölfe bei Jagderfolg dann aber bis zu 20% ihres Körpergewichtes an Fleisch hinunterschlingen. Bei grossen Wölfen kann dies bis zu 10 kg Fleisch sein.

     Beispiel für Jagderfolg
     Von 131 aufgespürten Elchen
     konnten nur 6 erlegt werden.

     Studien von D. Mech,
     Isle Royale, USA

 

 


 

Jäger Beutetierbestand
Wölfe erlegen überwiegend Tiere, die in einem Alter oder Zustand sind, in dem sie für den Wolf eine leichte Beute darstellen. Gesunde und starke Beutetiere in fortpflanzungsfähigem Alter werden nur selten gerissen. Somit können sich vor allem die gesunden und starken Tiere vermehren. Dies verbessert die Kondition der gesamten Beutetierpopulation und fördert den Nachwuchs. Zudem verringert die Selektion kranker Beutetiere die Möglichkeit der Ausbreitung von Infektionskrankheiten. Somit verhelfen Wölfe ganz natürlich zu einem gesunden und starken Beutetierbestand.

Gefahr für Haus- und Nutztiere
Vor allem Wölfe, die alleine leben und nicht im Rudel jagen können, sind darauf angewiesen, sparsam mit ihren Energiereserven umzugehen. Die Gefahr, sich bei der Jagd auf einen wehrhaften Hirsch oder eine Gemse selbst zu verletzen, ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. Einzelwölfe bevorzugen deshalb gezwungenermassen einfach zu jagende Beutetiere. Zu diesen gehören natürlich auch unsere ungeschützten Haus- und Nutztiere, wie z.B. frei weidende Schafe und Ziegen, auch wenn sie grundsätzlich nicht zur natürlichen und bevorzugten Beute gehören. Sind diese Tiere jedoch durch Herdenschutzmassnahmen ausreichend geschützt, sind auch sie für den Wolf keine einfache Beute mehr. Deshalb ist es so enorm wichtig, dass Herdenschutzmassnahmen seriös und lückenlos umgesetzt werden.

Fressverhalten
Nach erfolgreicher Jagd ziehen die Wölfe ihre erlegte Beute vielfach an einen sicheren Ort, wo sie ungestört fressen können. Zuerst wird das Tier geöffnet und sie fressen so viel, bis sie entweder satt sind, oder gestört werden. Oft nehmen sie auch einzelne Beuteteile mit und bringen diese den wartenden Welpen und Jungwölfen zurück. Die zurückgelassene Beute bietet dann reichlich Nahrung für viele andere Tiere und Aasfresser. Meist kehren die Wölfe zu einem späteren Zeitpunkt zu den Überresten der Beute zurück, um weiter zu fressen und die Resten zu verwerten.

>>>  siehe auch Kapitel «Der Wolf als Teil des Ökosystems»